Die atlantische Hurrikan-Saison beginnt offiziell am 01. Juni. Auch im Nordpazifik, im Ostpazifik und im Indischen Ozean reicht die Hauptaktivität meist von Mai bis November, wobei regionale Unterschiede bestehen. Aktuell befinden wir uns noch in einer neutralen Phase der ENSO (EL Nino-Southern Oszillation). Für die nächsten Monate gilt allerdings der Übergang zu einem El-Nino-Ereignis als sehr wahrscheinlich. El Nino hat weitreichende Auswirkungen auf die tropische und subtropische Zirkulation und damit auch auf die Entstehung und Intensivierung von tropischen Wirbelstürmen. Dabei ergeben sich je nach Ozeanbecken unterschiedliche Effekte.
Nordwestlicher Pazifik
Während eines EL-Nino-Ereignisses verschiebt sich die Walker-Zirkulation nach Osten und schwächt sich teilweise ab. Damit verlagert sich auch die konvektiv aktivste Region vom westlichen in den zentralen Pazifik. In der Folge verschiebt sich häufig auch die Hauptentstehungsregion tropischer Wirbelstürme weiter nach Osten. Gleichzeitig verändert sich die großräumige atmosphärische Zirkulation: In Teilen des westlichen Nordpazifiks kann die vertikale Windscherung zunehmen, was die Entwicklung tropischer Wirbelstürme regional erschwert. Allerdings bedeutet dies nicht zwangsläufig eine deutlich geringere Gesamtzahl an Taifunen. Vielmehr verschieben sich Entstehungsgebiete und typische Zugbahnen. So treten während eines El Nino häufig weniger Landfälle in Teilen Südostasiens auf. Dafür nimmt die Wahrscheinlichkeit für langlebige und teils sehr intensive Taifune, die weiter östlich entstehen und später Richtung Japan oder Zentralpazifik ziehen zu. Neben ENSO beeinflussen noch weitere Faktoren die Wirbelsturmaktivität im westlichen Nordpazifik, darunter die Madden-Julian-Oszillation (MJO), subtropische Rossby-Wellen sowie regionale Meeresoberflächentemperaturen. Letztere sind während eines El Niño regional zwar teils etwas niedriger, bleiben jedoch weiterhin hoch genug, um starke Taifune zu ermöglichen.
Nordöstlicher Pazifik
Im östlichen Nordpazifik zeigt sich meist ein gegenteiliger Effekt. Aufgrund der Verlagerung der Warmwasseranomalie nach Osten wandert auch die konvektiv aktivste Region nach Osten in Richtung zentraler Pazifik. Außerdem ist die Windscherung in Teilen dieser Region geringer als bei einer neutralen Phase oder La Nina. Dadurch können sich mehr und vor allem kräftigere und langlebigere Stürme ausbilden. Besonders betroffen davon ist die Tropeninsel Hawaii, aber auch die Pazifikküste von Mexiko. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Rekord-Hurrikan Patricia, welcher während des sehr starken El Nino Ereignisses 2015 entstand. Patricia profitierte damals von einem sehr warmen bis heißen Ozean mit einer Wassertemperatur von teils über 30 Grad, einem hohen Wärmeinhalt des Ozeans und geringer Windscherung. Allerdings war das sehr starke EL-Nino-Ereignis damals nicht die einzige Erklärung für die Entwicklung des beeindruckenden Hurrikans mit Spitzenwinden von bis zu 345 Kilometer pro Stunde.
Nördlicher Indischer Ozean
Auf die Zyklonen-Aktivität im nördlichen indischen Ozean hat El Nino nur indirekt einen Einfluss. Durch die Verschiebung der Walker Zirkulation ist der Druckgradient über Südasien und damit auch der Südwestmonsun schwächer ausgeprägt. Dies kann regional die Bedingungen für tropische Wirbelstürme beeinflussen. Der Zusammenhang ist jedoch deutlich komplexer als in anderen Ozeanbecken. Die Auswirkungen unterscheiden sich je nach Region und Jahreszeit. Während manche Studien eine geringere Aktivität über der Bucht von Bengalen nahelegen, zeigen andere nur schwache oder saisonabhängige Zusammenhänge. Entscheidender für die Auftrittshäufigkeit von Zyklonen ist die Phase des Indischen Ozeanischen Dipols (IOD). Außerdem beeinflusst auch die Madden-Julian-Oszillation (MJO) sowohl die konvektive Aktivität als auch die regionale Verteilung der Meeresoberflächentemperaturen in diesem Ozeanbecken. Somit ist El Nino in diesem Gebiet eher ein Hintergrundrauschen als die primäre Ursache für die Entwicklung von Zyklonen.
Nördlicher Atlantik
Über dem nördlichen Atlantik entwickeln sich vorwiegend über der Karibik aufgrund von Veränderungen des subtropischen Jetstreams stärkere Westwinde. Dadurch wird hauptsächlich in dieser Region die Entstehung von atlantischen Hurrikans unterdrückt. Im Vergleich zum nordwestlichen Pazifik hat der nördliche Atlantik häufig zusätzlich trockenere Luftmassen und geringere Wassertemperaturen. Darum sind Wirbelstürme in diesem Ozean sensitiver gegenüber höherer Windscherung. Allerdings zeigte beispielsweise die Saison 2023, dass dieser hemmende Effekt teilweise durch außergewöhnlich hohe Ozeantemperaturen kompensiert werden kann. In solchen Fällen kann die Hurrikanaktivität trotz El Niño höher ausfallen als klimatologisch erwartet.
Zusammenfassend hat ein El Nino Ereignis unterschiedliche Einflüsse auf das Auftreten von tropischen Wirbelstürmen auf der Nordhemisphäre. Während im östlichen Teil des Pazifiks Hurrikane häufiger und auch mehr starke tropische Wirbelstürme entstehen können, nimmt deren Aktivität im westlichen Teil des Ozeanbeckens und im Atlantik generell ab. Im Indischen Ozean überlagern andere Effekte die Auswirkungen von El Nino. Zudem gleicht in der Ausprägung auch nicht jedes EL-Nino-Ereignis dem anderen. Neben dem klassischen El Nino gibt es auch den Zentralpazifik El Nino (El Nino Modoki), bei dem die stärkste Erwärmung des Ozeans im zentralen Pazifik stattfindet und die Walker Zirkulation vergleichsweise etwas stärker ausgeprägt ist. In diesem Fall wären die Auswirkungen vor allem auf den Atlantik auch nicht so prägnant. Zuletzt ist es auch nicht ausgeschlossen, dass es im Laufe des Jahres zu einer Ausbildung eines Super-El-Nino kommen kann. In diesem Fall könnten die Auswirkungen auf globale Wetterlagen und auch auf die tropische Wirbelsturmaktivität deutlich ausgeprägter sein. Noch bleibt jedoch abzuwarten, wie stark sich das kommende EL-Nino-Ereignis tatsächlich entwickelt.