Der diesjährige Winter war bisher kälter als die der vergangenen Jahre und zumindest in der Nordhälfte und im Osten gab es regional auch schon jede Menge Schnee. Dabei verlief der Januar bisher dennoch „nur“ durchschnittlich, verglichen mit der Periode 1991-2020. Wem dies schon kalt vorkam, wird staunen, was sich vor 70 Jahren ereignete. Im Februar 1956 suchte eine extreme Kältewelle Deutschland und weite Teile Europas heim. Die Durchschnittstemperatur lag damals in Deutschland mit -9,6 °C unglaubliche 10 Grad unter dem langjährigen Mittel von 1961-1990 und 11,1 Grad unter dem von 1991-2020. Ähnlich kalt war es zuvor auch schon im Februar 1929, welche die beiden kältesten Monate seit Messbeginn in Deutschland darstellen.
Ältere Bürger werden sich sicher noch an diese Kältewelle aus Kindheitstagen oder ihrer Jugend erinnern. Damit auch die jüngeren unter uns eine Vorstellung davon bekommen, wie extrem diese Kälteperiode war, vergleichen wir den Februar 1956 zunächst mit kalten Monaten aus der jüngeren Vergangenheit. Der letzte deutschlandweit kalte Februar ereignete sich im Jahr 2012, als bei eisigen Temperaturen zahlreiche Flüsse zu Eis erstarrten. Damals lag die durchschnittliche Februartemperatur allerdings gerade einmal bei -2,5 °C, also rund 7 Grad über der von Februar 1956. Auch die kalten Monate Januar und Dezember 2010 waren mit -3,2 und -4,5 °C deutlich weniger eisig als dieser Ausnahmemonat.
Um in Deutschland derart kalte Temperaturen zu erreichen, müssen viele Faktoren gleichzeitig zusammenspielen. Zum einen muss ein andauerndes Hoch über dem Atlantik Tiefdruckgebieten den Weg zu uns versperren, welche normalerweise von Westen feuchte und milde Luft im Gepäck haben. Zum anderen müssen sowohl Hochdruckgebiete über Skandinavien oder Nordosteuropa im Zusammenspiel mit tiefem Luftdruck im Mittelmeerraum mit einer östlichen bis nordöstlichen Strömung sibirische Kaltluft nach Deutschland transportieren. Außerdem kann eine Schneedecke die nächtliche Abkühlung in sternenklaren Nächten unterstützen. Diese Bedingungen waren 1956 gegeben.
Bereits Ende Januar nahm die extreme Kälteperiode ihren Anfang. Zum Monatswechsel lag ein kräftiges Hoch über Skandinavien und ein Tief über dem zentralen Mittelmeer (Abb. 1, links). Zuvor konnte sich über Sibirien ein massiver Kaltluftkörper bilden, der mit einer strammen Ostströmung nach Deutschland gelangte, ohne sich deutlich zu erwärmen. Dadurch verharrten die Temperaturen selbst tagsüber verbreitet bei -15 °C, in der östlichen Mitte stieg die Temperatur teils nicht über -20 °C. Im oberfränkischen Hof betrug die Höchsttemperatur unglaubliche -21,2 °C. Zu dieser Zeit lagen im Flachland nur wenige Zentimeter Schnee, in Teilen Ostdeutschlands war es sogar schneefrei. Daher schlugen die bitterkalten Nächte von vielfach -20, in der Mitte und im Süden örtlich sogar bis -30 °C, stellenweise als verheerende Kahlfröste besonders schlimm zu. Im Erzgebirge sank in Marienberg die Temperatur auf -35,5 °C.
Ab dem 3. Februar sickerte im Nordwesten vorübergehend etwas mildere Luft ein (Abb. 1, rechts), sodass die Temperaturen dort tagsüber knapp über den Gefrierpunkt stiegen, im Süden blieb es weiterhin frostig. Schon in den Folgetagen baute sich über dem Atlantik ein neues Hochdruckgebiet auf, das bis ins Nordmeer und nach Westsibirien vordrang. An dessen Ostflanke zog am 8. Februar ein kleines Schneetief von Norden kommend über die Osthälfte Deutschlands und lud dort verbreitet satte 10 bis 20 cm Schnee ab (Abb. 2, links).
Ab dem 9. Februar kam, verursacht durch ein Hoch über Großbritannien und der Nordsee, zusammen mit einem weiteren kräftigen Hoch über dem Nordpolarmeer und einem Tief über dem zentralen Mittelmeer, eine kräftige Nordostströmung in Gang, die erneut extrem kalte Luft nach Deutschland führte (Abb. 2, rechts). Außer im Nordwesten sank die Temperatur über der Schneedecke verbreitet auf -20 bis -30 °C. Schon in der Nacht zum 9. Februar fiel die Temperatur in Görlitz in der Lausitz auf -30,8 °C und kam tagsüber nicht über -21,3 °C hinaus. Der Höhepunkt dieser Kältewelle war in der Nacht zum und am 10. Februar erreicht (Abb. 3). Vor allem in Sachsen und Bayern sanken die Temperaturen verbreitet auf -25 bis -35 °C. In Waldsassen (Oberpfalz) stürzte die Temperatur sogar auf -36,3°C, in Wasserburg am Inn waren es -35,1 °C. Auch tagsüber blieb es bitterkalt. In der Südosthälfte lagen die Höchsttemperaturen unter -10, am Alpenrand sogar unter -20 °C. Im Oberallgäu betrug die Höchsttemperatur in Oy-Mittelberg kaum vorstellbare -24,0 °C, in Bad Kohlgrub nahe Garmisch-Partenkirchen wurden maximal -23,8 °C gemessen. Damit war es dort ganztags kälter als in einem gewöhnlichen Eisschrank.
Zwischen dem 13. und 16. Februar kreisten mehrere kleine Tiefs über Mitteleuropa (Abb. 4, links) und brachten nun auch dem Westen Deutschlands eine ordentliche Packung Schnee (20 bis 40 cm Neuschnee im Flachland). Somit lag nun mit Ausnahme des Nordwestens fast flächendeckend im Tiefland eine 15 bis 30, gebietsweise sogar 50 cm mächtige Schneedecke. Zu allem Überfluss erneuerte sich danach nochmals die Ostströmung und es dominierte in weiten Teilen Europas Hochdruckeinfluss (Abb. 4, rechts und Abb. 5, links). Dauerfrost um -5 °C, teils auch um -10 °C, und eisige Nächte von -10 bis unter -20 °C waren die Folge. Im Brandenburgischen Wustrau-Ziehtenhorst wurden in der Nacht zum 24. Februar nochmals -30 °C erreicht. Bis zum 27. Februar sank die Temperatur in den Nächten gebietsweise unter -20 °C.
Dennoch begann ab dem 25. Februar von Westen her eine leichte Milderung und erste Wetterstationen meldeten positive Temperaturen. Zum Monatsende stellte sich die Wetterlage grundlegend um (Abb. 5, rechts). Mit einer sich formierenden Westströmung wurde mildere Meeresluft herangeführt und es setzte allmählich Tauwetter ein.
Die verheerende Kälteperiode ließ die meisten großen Flüsse Deutschlands zufrieren. Selbst der Rhein erstarrte an vielen Stellen zu Eis. In Mainz und weiter südlich konnte man auf den Eisschollen des Rheins spazieren gehen und bei Bingen bildete sich ein Eisstau.
Dass wir nochmals einen ähnlich kalten Wintermonat wie vor 70 Jahren erleben werden, ist im Zuge des Klimawandels sehr unwahrscheinlich geworden, kann aber nicht völlig ausgeschlossen werden. Bei ähnlichen Wetterkonstellationen wie damals kann es nach wie vor in Mitteleuropa extreme Kältewellen geben. In der vorindustriellen Zeit lag die Wiederkehrzeit solcher Kältewellen bei 50 bis 100 Jahren, mittlerweile dürfte sie jedoch deutlich höher liegen.