24. November 2017 | M.Sc. Met. Stefan Bach

Reinhard oder Ylva - Wie Tiefs zu ihren Namen kommen

Reinhard oder Ylva - Wie Tiefs zu ihren Namen kommen

Datum 24.11.2017

Reinhard und Ylva - zwei Namen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben und doch bezeichnen sie ein und dasselbe. Wie das sein kann, erfahren Sie im heutigen Thema des Tages.

Der Tiefdruckkomplex "Reinhard" mit Kernen bei den Britischen Inseln und über der Norwegischen See bescherte großen Teilen Deutschlands am gestrigen Donnerstag einen windigen bis stürmischen Tag. Gleichzeitig tobte der Wind im Norden Norwegens im Zusammenhang mit Tief "Ylva" teilweise in voller Orkanstärke. Betrachtet man die Bodenanalysekarte vom Donnerstag (siehe Abbildung), so stellt man fest, dass eigentlich ein und derselbe Tiefdruckkomplex für beide Wetterphänomene verantwortlich ist. Wie kann das sein?

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In Deutschland vergibt seit 1954 das Institut für Meteorologie der Freien Universität in Berlin diese Namen. Zunächst erhielten nur die Hochdruckgebiete männliche Vornamen, Tiefdruckgebiete erhielten entsprechend weibliche. Diese Praxis führte, da mit Hochdruckgebieten meist schönes Wetter verbunden ist, zu Protesten von Frauenverbänden. Seit 1998 wechseln daher die Hoch- und Tiefdruckgebiete im jährlichen Turnus ihr "Geschlecht". In ungeraden Jahren (wie 2017) tragen die Hochdruckgebiete weibliche Vornamen, in geraden kommen die Herren zum Zug.

Im November 2002 wurde die Aktion "Wetterpate" ins Leben gerufen. Seit dieser Zeit kann man für sich oder seinen Nächsten die Patenschaft an einem Tief- oder Hochdruckgebiet erwerben. Im Gegenzug erhält der Namenspate ausführliches Material, wie zum Beispiel Wetterkarten und eine Dokumentation der Lebensgeschichte des Druckgebildes. Das so eingenommene Geld kommt der Fortführung der vollständigen Klimabeobachtung und der studentischen Wetterbeobachtung am Institut für Meteorologie der FU Berlin (Station Berlin-Dahlem) zugute. Die Patenschaft für Tiefdruckgebiete ist dabei billiger als für Hochdruckgebiete. Das liegt daran, dass Tiefs meist kurzlebiger sind, vielleicht ist manch einer aber auch gekränkt, wenn ihm ein Tief gewidmet wird. Dafür sind es aber gerade Sturmtiefs, die in den Medien von sich reden machen. Ist das Alphabet einmal durchlaufen, fängt man bei der Namensgebung wieder beim A an. Die Namen der Tiefdruckgebiete durchlaufen in der Regel vier- bis fünfmal pro Jahr das Alphabet, Hochdruckgebiete hingegen meist nur zweimal.

In anderen Ländern, wie eben beispielsweise in Norwegen, bekommen nur Tiefs, die für (überregionale) Unwetter sorgen, einen Namen. Dort entschloss sich das Meteorologische Institut (also der Wetterdienst) in Oslo 1995 dazu, Namenslisten anzufertigen, auf denen die Namen schon lang vorher festgelegt sind und nach und nach abgearbeitet werden, egal ob dazwischen ein Jahreswechsel liegt. Dabei kommt jeder Name nur einmal vor. Eine Patenschaft ist nicht möglich. Auch werden sie - anders als in Deutschland - der Öffentlichkeit nicht im Vorfeld preisgegeben, sie stammen von einer geheimen Liste. Üblicherweise werden kurze typische norwegische Vornamen verwendet, wie beispielsweise Ask, Edda, Leif, Sondre oder Tuva. Dabei werden die ohnehin im Norwegischen unüblichen Buchstaben Q, W, X und Z, sowie die Sonderbuchstaben Æ, Ø und Å übersprungen. Fiktiv würde auf Tief "Yngve" also Tief "Agda" folgen. Frauenverbände werden ebenfalls nicht auf den Proteststand gerufen, denn die Sturmtiefs erhalten immer abwechselnd einen männlichen und einen weiblichen Vornamen. Ist man am Ende der Liste angelangt, wird eine neue angefertigt. Nachdem mit dem Unwetter "Ylva" der letzte zugelassene Buchstabe des aktuellen Durchlaufs erreicht ist, wird die Namensgebung vermutlich ab dem nächsten Unwettertief auf Basis einer (weiterhin geheimen) Liste erfolgen, zu der die norwegische Öffentlichkeit beigetragen hat. Diese war nämlich im Jahr 2016 anlässlich des 150. Jubiläums des Meteorologischen Instituts dazu aufgerufen, ihre Namensvorschläge einzureichen. Diese sollten kurz (also keine Doppelnamen), einfach auszusprechen und neutral (bspw. keine königlichen Namen) sein.

Auch die beiden nordischen "Nachbarn" Dänemark und Schweden vergeben Namen an Unwetter. In Dänemark ist dies seit dem Herbst 2013 Praxis, wobei man ähnliche Regeln wie in Norwegen hat. Der schwedische Wetterdienst übernimmt in der Regel den Namen, der in Dänemark oder in Norwegen verwendet wird, da das Wetter zumeist aus einer dieser Richtungen kommt. Sollte ein Unwetter nur Schweden betreffen, so wird dieses nach der Person benannt, die an diesem Tag Namenstag hat. Das erste Mal wurde dies am 28. Oktober 2013 mit dem Sturm "Simone" praktiziert.

Der Vorteil einer Namensgebung für schadensträchtige Tiefdruckgebiete liegt darin, dass dies die Kommunikation zwischen Wetterdiensten und Medien sowie den Katastrophenschutzbehörden erleichtert. Von Zeit zu Zeit kann die unterschiedliche Benennung der Tiefs für die Öffentlichkeit (mitunter auch für die Wetterdienste selbst) verwirrend sein, wenn bspw. Orkan "Christian" (deutsche Namensgebung), der Ende Oktober 2013 schwere Schäden in Teilen West-, Mittel- und Nordeuropas anrichtete, im Vereinigten Königreich "St Jude's Day Storm" und in Schweden "Simone" (vgl. oben) genannt wird.



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